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Exzerpt File #2

Dicke, weiße Wachskerzen standen überall auf dem Marmorboden des Arbeitszimmers. Ihr Flackern tauchte den Raum in ein beruhigendes Halbdunkel. Aus verborgenen Lautsprechern klang Mozarts Requiem und verstärkte somit die im Raum liegende Spannung. Hinter dem Schreibtisch im Halbdunkeln , - einer auf zwei steinernen Wasserspeiern ruhenden Panzerglasplatte saß eine Gestalt und betrachtete aufmerksam einen Gegenstand in seinen Händen. Das in Gold eingefaßte Straußenei glänze matt im Licht der Kerzen.

Golden Egg

Der Mann unterbrach seine Untersuchung des rundlichen Körpers, neigte seinen Kopf etwas zur Seite. Auf der Glasplatte des Schreibtisches blinkte dezent ein olivgrünes Licht. Vorsichtig legte er das Kunstwerk in eine, auf dem Tisch liegende, mit Holzspänen gefüllte, Kieferholzkiste, und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Seinen Augen richteten sich auf die Zimmertür, an der Sekunden später geklopft wurde. Seine linke Hand berührte einen verborgenes Wärmefeld auf der Tischplatte und die Tür öffnete sich geräuschlos und langsam. Im Halbdunkel des Kerzenmeeres konnte man die Siluette eines jungen Elfen sehen.

"Komm herein Jesse, Du störst nicht", sagte der Mann.

Seine Stimme war warm, angenehm und dennoch bestimmend. Jesse trat ein und ging langsam, einen Windhauch - der die Kerzen auslöschen könnte - vermeidend, auf den Schreibtisch zu.

"Es ist gut, das Du kommst", sagte der Mann hinter dem Schreibtisch. "Ich möchte Deine Meinung zu diesem Fabergé-Ei hören", fügte er hinzu, während er mit einer Hand auf die Kieferholzkiste deutete.

Jesse beugte sich zögernd nach vorne und warf einen Blick auf das Ei.

"Nimm es ruhig in dir Hand", sagte der Mann im Halbdunkeln hinter dem Schreibtisch.

Vorsichtig nahm Jesse das Ei in seine Hände und betrachtet die feine Kunstarbeit der Goldverzierung.

"Es scheint mir eine feine Arbeit zu sein, doch Ihr müßt Wissen, daß ich nur wenig von dieser Kunst verstehe", sagte Jesse nach einer eingehenden Betrachtung des Kleinods.

Der Mann im Halbdunkeln nickte und nahm das Ei wieder entgegen. Dann lehnte er sich zurück und rezitierte scheinbar auswendig:

"Als Symbol des Lebens und der Auferstehung kreierte Carl Fabergé zum orthodoxen Osterfest für die kaiserlichen Familien die berühmten Prunkeier. Diese Eier gehören zu den berühmtesten Goldschmiedearbeiten der Neuzeit und enthalten Überraschungen, die der Zarenfamilie nicht vor dem Osterfest enthüllt wurden. Fabergé gab auch auf Anfragen das Geheimnis nicht bekannt und antwortete dem Zaren stereotyp: "Majestät werden zufrieden sein."

Als er sein Zitat beendet hatte, öffnete er mit einer scheinbar lapidaren Bewegung seine Hand und ließ das Ei zu Jesses Entsetzen auf den Boden fallen. Es schien Jesse als würden Hundertstel zu Sekunden als er den Flug des Eis und dessen Zerstörung beobachtete. Das Zerschellen des Eis wurde von dem plötzlich Anschwellenden der Lautstärke des Requiem geschluckt.
Fragend sah Jesse den Mann im Halbdunkeln an. Dieser lehnte sich zurück und sagte beiläufig:

"Eine Fälschung, wenn auch eine sehr gute."

Sein Blick schweifte über die Kerzen in dem Raum und er sprach weiter:

"Ein angesehener Geschäftsmann aus Miami hat es vor ein paar Wochen erstanden und es mir zur Beglaubigung geschickt. Er ist natürlich sehr enttäuscht über meinen Befund und hätte gerne sein hart verdientes Geld von den Verkäufern zurück.

Mit einem leichten Schmunzeln fügt er hinzu:

"Doch leider sind diese verschwunden. Wir bekommen 14 % des Verkaufspreises bei Wiederbeschaffung, plus Spesen im normalen Rahmen."

Nun lächelte auch Jesse und sagte:

"Miami klingt gut, sehr gut sogar."

Miami

Miami war heiß, schwül und dreckig. Jesse war froh, daß er und der Doktor in einem klimatisierten Wagen saßen. Der Daimler-Crysler den sie gemietet hatten fuhr geräuschlos an den großen Villen des Ocean Drives vorbei. Der Doktor nippte nachdenklich an einem Glas europäischen Quellwassers aus der Bar des Wagens und blickte dann auf den Laptop, der vor ihm auf dem ausgeklappten Kirschholztisch stand.

"Van der Graast ist wahrscheinlich unser Mann", sagte er, die Augen nicht vom Laptop nehmend. "Er weiß, wo sich unser zweifelhafter Verkäufer versteckt.

Jesse nickte nur. Auf die Eingebungen des Doktors, woher sie auch kamen war bis jetzt immer Verlaß gewesen. Der Doktor nahm eine Narkojetpistole aus einer ledernen Aktentasche. Ohne von dem Laptop aufzusehen, nannte er dem Autopiloten die Adresse und sagte:

"Es wird Zeit Herrn van der Graast einen Höflichkeitsbesuch abzustatten."

Van der Graasts Appartement befand sich in einem vorwiegend von Columbianern bewohnten Viertel. Sambarhythmen und Zigarrengeruch begleiteten Jesse und den Doktor zum Domizil des Fixers. Die beiden Elfen wurden auf ihren Weg mehrmals von den Bewohnern des Viertels gemustert, doch Jesses Predator und die kühle, fast oberflächliche Art des Doktors beschränkten den Kontakt auf ein Minimum. Nachdem sie die Wohnung des Fixers ausgiebig beobachtet und gescannt hatten, warteten die beiden. Als ein kleines Motorrad mit einem Isolierkarton vor dem Haus auftauchte, nickte der Doktor Jesse kurz zu. Jesse überquerte geschmeidig die Straße und näherte sich dem Pizzalieferanten von hinten. Noch bevor der Mann sich umdrehen konnte, hatte Jesse ihm schon einen Narcojetpfeil in den Hals geschossen. Daraufhin zog Jesse den bewußtlosen Mann in eine Seitengasse und kehrte mit der Pizzaschachtel zum Doktor zurück.

"Ist Gott sei Dank ‘ne Vegetarische", sagte er und hielt dem Doktor die Schachtel hin.

Dieser schien für einen Augenblick gewillt sich zu bedienen, lehte aber dann dankend ab.

"Bin gespannt, wann der Hunger unseren Freund aus seinem Bau treibt", sagte Jesse zwischen zwei Pizzastücken.

"Hunger ist ein Grundbedürfnis lieber Jesse, auch Herr van der Graast dürfte sich diesem nicht wiedersetzen können", antwortete der Doktor, ohne von seinem Laptop aufzusehen.

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