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Exzerpt File #4

Jesse stand am großen Panoramafenster in der kunstvoll gestalteten Eingangshalle von Docs Stützpunkt und betrachtete das illustre Treiben da draußen. Sein Rücken wurde leicht von dem Licht, daß das langsam rotierende Hologramm aus Docs Tischcomputer ausstrahlte, erhellt. Erdblut stand seinerseits vor einem großen Wandbild und schien in der auf die Leinwand gemalten Landschaft spazieren zu gehen.
Jesse wandte seinen Blick vom kalten "Draußen" ab und musterte den Doc. Dieser war offensichtlich wirklich nur noch körperlich anwesend. Fasziniert darüber, welche imaginäre Kraft die Bilderkunst zu haben schien, fragte Blue:

"Hey, Doc. Was genau ist eigentlich Kunst?"

Erdblut brauchte unnatürlich lange, bevor er den Kopf drehte und die Stille, die nach der Frage entstanden war, zu beenden:

"Oberflächlich betrachtet ist Kunst ein Indikator für die Zufriedenheit und Glücklichkeit einer Gesellschaft".

Der Satz lag in der Luft und es schien Jesse als wäre diese Antwort einfach zu banal. Doch bevor er weitere Fragen stellen konnte, sagte der Doktor:

"Wir werden in ca. 15 Minuten fahren. Mach Dich bereit. Ich habe eine sehr wichtige Besprechung und möchte Deine Anwesenheit nicht missen!"

Jesse nickte nur und begab sich in sein Appartement. Er duschte sich kurz und schlüpfte dann in eines seiner weißen van Laak-Hemden. Der Geruch von Stärke und Waschmittel riefen wie immer ein angenehmes Prickeln hervor. Das Gefühl kurz genießend zog er seinen Anzug an. Das kevlargefütterte Material schmiegte sich angenehm an seinen Körper und verlieh ihm ein Gefühl der Sicherheit. Mit ein paar routinierten Bewegungen überprüfte er seine Predator und steckte sie dann in den Schulterhalfter. Sein Äußeres noch einmal zufrieden in dem großen Wandspiegel seiner Wohnung betrachtend, ging Jesse zum Aufzug.

Der Nightsky glitt lautloß durch die nächtlichen Häuserschluchten der Stadt. Die Tatsache, daß sie den Nightsky genommen hatten und daß der Doktor einen edlen, dunklen Seidengehrock trug, ließen Jesse darauf schließen, daß etwas besonderes zu erwarten war. Seinen fragenden Blick richtig deutend, sagte der Doktor, der eine der wenigen Male nicht auf seinen Laptop fixiert war, mit ruiger Stimme, die Jesse denoch leicht schaudern ließ:

"Wir treffen Freunde jenseits der Stille."

Nach einiger Zeit, Jesse hatte jeden Sinn für Zeit verloren, fuhr die Limusine durch eine Landschaft rollender Hügel und grüner Parks.Sie hatten vorher schon zwei Lonestar-Patrollien und einen Knight Errant Check-Point passiert und Jesse schien es als hätte er eine volkommen neue Welt betreten. Riesige Villen in verschiedenen Baustilen ragten aus den großen Gartenanlagen und die Ruhe, die dieses Viertel ausstahlte, war förmlich durch die getönten Scheiben des Wagen zu spüren.

"Ich denke dies ist einer der großen Momente in meinem Leben."

Jesse sagte es ohne nachzudenken. Der Doktor sah zum Fenster hinaus, wandte sein Gesicht dann aber Jesse zu und erwiderte mit einem seltsamen Lächeln:

"Die wirklich wahren Momente im Leben lassen sich daran messen, wie oft die Seele berührt wird".

Jesse stutzte und versank dann in seinen Gedanken. Der Doktor beobachtete ihn und wandte sich dann wieder lächelnd ab.
Nach einiger Zeit erreichte der Wagen dann ein großes, eisernes Jugenstiltor. Ohne sichtbare Zeichen öffnete sich dieses und der Nightsky rollte hinein. Sie fuhren duch einen gepflegten Park auf ein gotisches Anwesen zu. Durch die spärliche Beleuchtung der Nacht erschien das mit Wasserspeiern verzierte Haus noch bedrohlicher. Jesse konnte das Gefühl, daß er hatte, nicht genau deuten. Es war keine Bedrohung, die das Haus ausstahlte, sondern irgendetwas anderes. Es schien ihm als ging von dem Anwesen, oder jenen die dort logierten, eine Aura der Macht oder Gefährlichkeit aus. Eine Art der Macht, die er vorher noch nie gefühlt hatte. Etwas Fremdes war dort hinter den Mauern. Waren dies die vom Doktor bezeichneten Freunde jenseits der Stille? Und wenn dies so war, wer war der Doktor wirklich?

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