Twisting Letters Twisting Letters
Twisting Coin Shadowhead Twisting Coin

Chapter One: "Who the F*** are you?!?

Am Anfang war das Licht, doch das Licht war klein, unscheinbar und von jeder Menge Finsternis umgeben. Jesse Blue nannte sich jener Funke, der einmal ein berühmter Runner werden wollte. Aber an jenem, wie in Seattle üblich, regnerischen Abend sah er sich der äußerst konkreten Gefahr in Form von drei Straßenräubern gegenüber, die ihm sein kleines Licht für die Handvoll NuYen, die er in der Tasche trug, sein Lichtlein ausgeblasen zu bekommen. Rettung erschien ihm in Gestalt des für diese Gegend (er wohnt(e) in Redmont, in der halbwegs zivilisierten Randzone der Barrens) absolut unpassend, weil viel zu fein, gekleideten unbekannten Elfen, der mit einer äußerst seltsamen Pistole zuerst den Troggy mit der Schrotflinte, dann den Anführer der Möchtegern-Gang blitzschnell schlafen legte. Jesse, der sich nunmehr nur einem messerschwingenden Junkie gegenübersah, faßte neuen Mut und legte diesen kurzerhand auf die Matte.
Der mysteriöse Fremde stellte sich als "Erdblut" vor und faselte irgendetwas von "Potential" und "Nachwuchs" und fragte ihn nach Verbindungen mit der Mafia und sonstigen organisierten "Übeln" Jesse verstand von alledem erst mal nur Monorail Station. Hellhörig wurde er erst, als ihn der Fremde zu einem Drink einladen wollte.
Er fand sich wenig später in einem Etablissement wieder, tief ins Gespräch vertieft mit diesem mysteriösen, jedoch äußerst sympathischen Fremden, der aus ihm anscheinend einen vernünftigen Runner machen wollte - die grundlegenden Fähigkeiten sowie einen gewissen Ehrenkodex besäße er ja bereits. Jesse willigte nur zu gerne in das Angebot Erdbluts ein, ihn "in die Lehre zu nehmen". Immerhin sah er Klasse, Können und Stil, die er niemals alleine erreichen könnte.
Nach dieser aufschlußreichen Unterhaltung und einigen wenigen Drinks wurde der Samurai-Wannabe nach Hause gefahren, verbrachte eine unruhige Nacht in Gedanken versunken in seiner Wohnung und wurde morgens abgeholt, um, wie Erdblut es ausdückte, "mit ihm Einkaufen zu fahren". Tatsächlich verging der Vormittag damit, Jesse Maßanzüge und Haarschnitt zu verpassen. So neu ausstaffiert, ging es ins "Eye of the Needle", wo auf den Namen des Doc, wie Erdblut anscheinend bei Tageslicht und weißen Geschäften genannt wird, ein Tisch reserviert war. Bei edlen Speisen und Getränken, beschützt durch einen unscheinbaren White-Noise-Generator, wurde nun ernst und konkret über die Absichten Erdbluts mit Jesse diskutiert, über die übliche Verteilung der Mittel sowie die Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen. Zum ersten Mal hörte Jesse von Riggin'Rick und daß der Doc und der Mensch auch weitere Anstrengungen unternommen hatten, "Nachwuchs" bzw. "Geschäftspartner" zu rekrutieren. Nur bisher, außer ihm, Jesse ohne Erfolg. Am selben Abend sollte eine kleine Aktion stattfinden, Jesse sollte dabei sein. Aber vorher hieß es Umzug. Er sollte seine kleine Kondo in Redmont aufgeben und beim Doc einziehen. Jesse wurde abgeholt und packte seine spärlichen Siebensachen in das Fahrgastabteil eines gottverd'oh! Nightsky. Auf halber Strecke verdunkelten sich die Scheiben, so daß der Junior nicht sehen konnte, wohin sie genau fuhren. Erst als der anscheienend führerlose Wagen anhielt und die Türen sich sanft öffneten, erkannte Jesse, daß er sich in einer Tiefgarage befand, die mit einem Fahrstuhl mit dem Rest des Hauses verbunden war. Der Doc erwartete ihn am oberen Ende des Lifts in einem Ausstellungsraum, der Jesse den Atem verschlug: mindestens zwei Stockwerke hoch, mit mehreren großen, teilweise unvollständigen Steinstatuen und zahlreichen Bildern und kleineren Ausstellungsstücken... so etwas hatte er gerade mal im Museum gesehen. Die Reichtümer, die sich hinter solchen Dingen verbergen mußten, wollte er sich gar nicht vorstellen. Auch machte er die Bekanntschaft von Cerberus, dem Haussicherheitssystem mit der sexy Stimme. Als er seine Habseligkeiten in sein neues Appartement räumte, stand ihm das anscheinend semiintelligente Programm Rede und Antwort. So erfuhr er, daß der Doc Händler für "Antiquitäten und seltenere Objekte" sei. Den Großteil seiner Einkünfte erziele er aus seinem Geschäft, in dem er einer der Besten und bekanntesten der ganzen Nordwestküste sei. Von "nächtlichen" Aktivitäten wußte sie allerdings nichts.
Das Business der Nacht entpuppte sich als nicht als so aufregend, wie Jesse sich das vorgestellt hatte. Er war eingeteilt als Rückendeckung bei einem weiteren Rekrutierungsversuch. Er durfte seine Steyr AUG als Sniper-Rifle gebrauchen und mußte bei der Beobachtung des stundenlang leeren Treffpunkts erfahren, daß das Runnerleben bei weitem nicht immer so glatt und geplant abläuft, wie die Planung ist.

Mittlerweile waren anderswo in der Stadt zwei Nachtschwärmer von ihren jeweiligen Ausflügen, der eine in die Wohnanlagen der Reichen, der andere in die schillernden Neonwelten der Matrix, in ihre Wohnungen beziehungsweise Körper zurückgekehrt, fanden die clever versteckten Aufforderungen, sich an einem bestimmten Ort in Redmont zu begeben, und dachten sich simultan, daß der Abend noch jung genug für ein weiteres Abenteuer wäre.

Beinahe wollten Erdblut und Jesse schon dem Drängeln Ricks nachgeben, der hungrig und ungeduldig wie immer um diese Zeit ständig nörgelte, man sollte diese schwachsinnige Aktion endlich abblasen. Doch plötzlich, nachdem der erste Linienbus des neuen Tages vorbeigeknattert war, bewegte sich ein kleiner, drahtiger Mensch (fast) ungesehen an den Treffpunkt heran.

Er hatte es satt, für Aufträge, die ohne sein Zutun schiefgelaufen waren, bei seinen Kollegen und Lehrmeistern der Nekogami-Gilde, der Katzeneinbrecher und Assassinen der Yakuza, geradestehen zu müssen. Er wollte sein eigener Herr sein, vielleicht in einem Team mit Gleichgestellten arbeiten und sein enormes Potential endlich voll entfalten. Eine Art Runner war er ja nun schon. Aber er wollte frei sein von den strengen Regeln des Clans und der Brutalität der "ehrenwerten" Gesellschaft.

Erdblut machte ihn als erster aus. Der Junge war verdammt gut. Vielleicht würde er mal genauso gut werden wie er selbst. Fast hätte er ihn in den Schatten verloren; Rick hatte grobe Schwierigkeiten, die Gestalt mit der Drohne zu erfassen. Der Junge hatte einen Stil, der den Elfen fast erschaudern ließ... Der Mensch mußte bemerkt haben, daß ihn Erdblut nun schon lange beobachtete und er diesen Blick nicht abschütteln konnte wie den eines gewöhnlichen Wachmannes. Auf die Aufforderung hin, er möge sein Versteck verlassen, die durch den Lautsprecher einer Drohne, die sich, für ihn absolut überraschend, an seinen Sinnen vorbeigeschmuggelt hatte, kam der Mensch nun ins Zwielicht der frühmorgendlichen Barrens. Er stellte sich vor als Hudson, ein Name, der im Lichte seiner eindeutig südamerikanischen Herstammung eher unwahrscheinlich wirkte. Aber das Angebot Erdbluts, als Infiltrations-Experte Teil des Teams zu werden, machte ihn mehr als glücklich. Er gab jedoch auf die übliche Frage, ob er Probleme oder Verbindungen mit der Unterwelt habe, ehrlich zu, daß er noch Dinge mit den Yaks zu regeln hätte.

Im krassen Gegensatz zum stillen, in sich gekehrten Hudson erschien am anderen Ende der Straße ein Ork, dessen Auffälligkeit kaum zu überbieten war: vom lauten Auftreten, schrillen Klamotten, pink gefärbten Haaren und der offensichtlichen, chromblitzenden großkalibrigen Knarre bis hin zu seinem grobschlächtigen, absolut hässlichen Gesicht war er das total andere Extrem des Menschen. Er trug eine flache Tasche über die Schulter geschlungen, die offensichtlich sein größtes Heiligtum darstellte. Ein Tüte Munchies in sich hineinstopfend, kam er näher, stellte sich vor als Uglûk und bot seine Dienste als Decker an.


Back